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Zugezogene

Zugezogene

Eine fremde Familie ist ins Dorf gezogen.
Im Prinzip ist man ihnen durchaus gewogen.
Schließlich bringen sie ja, sozusagen,
frisches Blut ins Dorf. Da will man nicht klagen.

Man hat sie gemustert – klammheimlich, versteht sich
und empfand sie durchaus als solide und redlich.
Die Möbel, na ja – ist nicht mein Geschmack,
und der Mantel von ihr – sieht aus wie ein Sack.
Die Kinder sind niedlich, die sind ja noch klein
und er scheint ein Alternativer zu sein.
Alles in allem: gar nicht so schlecht,
und auf ein paar Macken hat doch jeder ein Recht!

So hält Skepsis mit Wohlwollen sich die Waage,
und es dauert nicht lange, bestenfalls 14 Tage,
da weiß man schon alles über die Neuen:
an welcher Musik sie sich erfreuen,
wie der Opa heißt und warum und wieso
sie so viele Bücher haben, selbst auf dem Klo.

Mit der Zeit toleriert man sich, feiert zusammen,
betrachtet gemeinsam den „Rhein in Flammen“.
Fährt einmal im Jahr auf Kegeltour
und irgendwann auch mal gemeinsam zur Kur.

Und dann, Jahre später, auf einem der Feste,
da fragt plötzlich einer der fremden Gäste:
Sag mal, wer sind eigentlich die Zwei
dort hinten, guck mal am Pfeiler vorbei?
Die habe ich hier schon öfters geseh’n,
sind das die Neuen aus Haus Nr. 10?

Die Antwort kommt schnell, wie angeflogen:
Ja, die sind hier zugezogen!
Ich glaube etwa zwanzig Jahre ist’s her.
So ganz genau weiß ich es auch nicht mehr.
Sie sind ganz okay, aber eins sag ich dir;
man kann heute noch merken: die sind nicht von hier.

Und die Moral von der Geschicht? –
Einheimisch ist man, das wird man nicht.
Wer nicht hier zur Welt kam – ohne zu übertreiben –
wird für immer ein „Zugezogener“ bleiben.

Aus „Dorfgeschichten“ 1997
Gundula vom Hagen – Jung

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