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Träumerei von Maria Nast

Träumerei

Träumerei - Bücherregal in Egen 4

Vorgetragen am 15.03.2024 – als “Vorband” von Wulli & Sonja – in Egen4

Es war einmal ein Mann. Der zog zusammen mit seiner Frau, seinen drei Kindern und jeder Menge Träume in ein riesiges Haus in einem winzigen Dorf. Die Menschen beäugten ihn skeptisch und interessiert. Kein Wunder, denn trug er Jahr ein Jahr aus immer die gleichen Sandalen, verwaschene Jeans, zotteliges Haar und am liebsten Wollpullover.

“Der ist nicht von hier. Das ist so ein Alternativer. Das ist einer aus der Stadt. Und ständig gehen in diesem Haus so viele Menschen ein und aus. Junge Menschen, alte Menschen, manche von denen scheinen sogar in diesem Haus zu leben. Macht er da jetzt ein Altenheim auf? Oder ein Kinderheim?”

 

Der Mann ließ sich nicht beirren. Er begegnete den Menschen unvoreingenommen. Er brachte sich ein in das Leben des winzigen Dorfes. Und spielte sogar mit in der Fußballmannschaft. Mehr schlecht als recht. Aber so konnten die anderen ihn besser kennenlernen und er die anderen. “Merkwürdige Ideen hat er. Aber nett. Da kann man nichts gegen sagen.”

Dieses riesige Haus in diesem winzigen Dorf war für diesen Mann Fluch und Segen zugleich. Er musste auf einmal lernen wie das Landleben funktioniert, was es bedeutete sich um ein riesiges Haus und einen riesigen Garten zu kümmern – neben seinem eigentlichen Beruf als Lehrer für Kinder die man damals bezeichnete als ‘Lernbehinderte und Erziehungsschwierige’.

Er machte Wanderungen mit seinen Schülerinnen und Schülern aus der großen Stadt in dieses winzige Dorf zu diesem riesigen Haus. Er zeigte ihnen eine andere Welt. Er ließ sie rein in sein Leben und in sein Herz. Schon immer hatte er ein großes Herz für Menschen und ihre Geschichten. Er wusste, dass gerade diese vermeintlich schwierigen Kinder oftmals eine dramatische Geschichte in sich tragen. Dass sie für ihre Andersartigkeit oftmals nichts können. Dass jeder Mensch eine Chance verdient hat. Dass jeder Mensch es verdient hat gesehen zu werden.

 

Aber vor allem regte dieses riesige Haus in diesem winzigen Dorf seine Kreativität an.

“Wenn wir in diesem riesigen Haus hier schon so eine alte Kneipe haben, wieso dann nicht auch wieder mit Menschen und mit Leben füllen? Wieso nicht teilen, was man hat?”

Und so kam es, dass durch Freunde von Freunden die ersten Musiker in dieses winzige Dorf reisten und dieses riesige Haus mit Musik erfüllten. Die alte Kneipe füllte sich nach und nach mit Freunden, Nachbarn und Bekannten von Bekannten. Ein schöner Abend für alle.

Es sprach sich rum. Ein kleiner Zettel im Fenster der alten Kneipe zeigt den Menschen von nun an, wann es wieder soweit war, wann wieder Musik das winzige Dorf erfüllte und woher die nächsten Musiker und Musikerinnen kämen. Aus Irland, aus England, aus Schottland, aus New Orleans, aus Berlin, aus Köln, aus Wuppertal, aus Solingen, aus Lindlar und aus Hückeswagen. Von nah und von fern. Unbekannte und bekannte Musikerinnen und Musiker. Laute und leise. Alleine oder zu vielen.

Sie alle hatten eines gemeinsam: sie haben sich verliebt in diesen Ort, in diese Menschen, in dieses Publikum in dieser Kneipe in diesem riesigen Haus in diesem winzigen Dorf. Die meisten von ihnen kamen wieder, viele auch viele Male.

 

Ihm begegneten immer wieder Fragen wie:

Lohnt sich das denn?

Naja, finanziell mit Sicherheit nicht, da zahlte er oft noch was drauf, aber fürs Herz und fürs Gemüt lohnte es sich in jedem Fall.

Muss das nicht angemeldet werden?

Wem sollte er denn Bescheid geben, wenn er Freunde zu sich nach Hause einlädt?

Darfst du denn Alkohol ausschenken?

Darf man Freunden keinen Alkohol ausschenken?

Aber darf man all das hier denn überhaupt? Was sagt denn das Finanzamt dazu?

Was sollen die denn sagen? Die Ausgaben übersteigen die Einnahmen. Schließen Sie den Laden besser mal?

Und was ist mit dieser GEMA und der Künstlersozialkasse?

Tja, die hatten ihre Augen und Ohren überall. Und auch in diesem winzigen Dorf in diesem riesigen Haus. Sie wurden regelmäßig informiert und entsprechend bezahlt. Da kam auch der Mann mit den zotteligen Haaren nicht drumherum. Es störte ihn ungemein. Nicht, dass die Künstler und Künstlerinnen irgendwie und irgendwann hoffentlich irgendwas von seinen Zahlungen abbekämen, vielmehr war es dieser bürokratische Wahnsinn, der ihn zwischendurch verzweifeln ließ. Aber auch dadurch ließ er sich nicht beirren und hielt weiter an seinen Träumen fest. Viel zu schön war es für ihn und alle anderen wenn er sein Haus öffnete – für die Musik und die Menschen.

 

Und die Ideen des Mannes mit den zotteligen Haaren und diesen Birkenstock-Latschen an den Füßen ließen längst nicht nach. Von Tag zu Tag, von Woche zu Woche, von Jahr zu Jahr, die er in diesem winzigen Dorf und in diesem riesigen Haus lebte, füllten sich seine Gedanken mit immer mehr Ideen und Träumen.

 

Da dieses riesige Haus in diesem winzigen Dorf früher einmal ein Bauernhof war, nahmen seine Ideen auch weitere Räume ein.

“Es gibt so viele Menschen hier in diesem Dorf und in der Umgebung, die so irre Ideen und kreative Hobbies haben. Wieso nicht einen Hobbymarkt im alten Stall anbieten?” Gesagt, getan. Und so organisierte er mit tatkräftiger Unterstützung einiger Freunde und seiner Familie fortan einmal im Jahr einen Hobbymarkt kurz vor der Adventszeit in dem alten Stall. Und es war einer der kleinsten und engsten und allerschönsten weihnachtlichen Märkte weit und breit.

 

Die Kneipe in dem riesigen Haus in dem winzigen Dorf wurde von einem Musikabend zum nächsten immer voller. Und der Stall war das Jahr über, bis zum nächsten Hobbymarkt, viel zu leer.

“Wieso nicht all die Bücher, die ich über die Jahrzehnte angesammelt habe, einfach in Regale an den Wänden im Stall platzieren. Und wieso nicht einen Büchermarkt veranstalten? Wieso nicht ausgelesenen und aussortierten Büchern ein neues Leben schenken?”

Und so kam es, dass im Stall des riesigen Hauses in dem winzigen Dorf Bücher eine neue vorübergehende Heimat bekamen, bevor ein vorübergehender Mensch ein Buch für sich neu entdeckte und es mitnahm. Gemütlich wurde dieser Stall voller Bücher in diesem winzigen Dorf.

 

Musik und Bücher sind Balsam für die Seele.

“Wieso also nicht auch hier beides zusammenbringen? Wieso nicht auch Musik zwischen all die Bücher bringen?”

Und so kam es, dass von nun an viele Male im Jahr aus der Bücherscheune in diesem winzigen Dorf Musik erklang.

Ein gutes Buch und schöne Musik sind Balsam für die Seele.

 

Aber dann nahm das Leben des Mannes eine plötzliche Wende. Denn wenn in der Geschichte vor allem von dem zotteligen Mann die Rede ist, dann gehört dazu auch immer seine liebevolle Frau mit den warmen Augen. Zusammen sind sie in dieses winzige Dorf gekommen, zusammen haben sie sich und ihren Kindern an diesem Ort und in diesem Haus eine Heimat erschaffen. Zusammen haben sie dieses Haus mit Leben gefüllt. Zusammen haben sie sich hier ihre Träume erfüllt.

Nur ein paar Monate in einem Jahr haben alles verändert in dem Leben des Mannes. In wenigen Monaten hat dieser Mann zwei der wichtigsten Menschen in seinem Leben an den Tod verloren: seine Mutter und seine Frau. Sein Herz war gebrochen. Das Leben stand Kopf. Und dennoch hat sich die Welt einfach weitergedreht. Langsamer und doch viel zu schnell.

 

Der Mann beschloss dieses Haus in diesem winzigen Dorf für einen Moment zu verlassen. Er ging auf Reisen. Mit seinem Fahrrad. So wie er es vorher schon viele Male getan hatte. Und so wie er es schon immer vorgehabt hatte, lange bevor der Tod in sein Leben kam. Diesmal aber wollte er mehrere Monate unterwegs sein.

Auf seinem Weg einmal rund ums gesamte Land hat er versucht sich die Trauer von der Seele zu strampeln. Er hat sich die Trauer genauer angeschaut, sie kennengelernt und sich dafür entschieden zu lernen mit der Trauer zu leben.

Denn seine Träume und Ideen haben der Tod und die Trauer ihm nicht genommen. In seinen Träumen hat er die Stärke gefunden das Leben in diesem winzigen Dorf und in diesem riesigen Haus voller Leere weiterzuleben. Er hat sich erinnert an all die kleinen Dinge im Leben, die ihn erfreuen. Er hat sich erinnert an all die Begegnungen in seinem Leben und die Begegnungen auf seinen Fahrradtouren. Das ist das was für ihn das Leben ausmachte: Begegnungen mit Menschen.

 

Er hatte das Glück zu dem Zeitpunkt Freunde in seinem Leben zu haben, die ihn weiter bei seinen Träumen unterstützt haben. Von nun an waren sie da bei jedem der folgenden Musikabende und halfen: beim Eintritt, beim Getränke ausschenken, beim Abkassieren, beim Spülen am nächsten Tag. Ein wahres Geschenk.

 

Das Leben ging weiter. Und mit ihm kamen neue und alt bekannte Menschen in sein Leben. Mitten unter ihnen war eine Frau mit zwei Dackeln. Sie beide hatten das Glück sich gegenseitig in schwierigen Zeiten stützen zu können und füreinander da zu sein. Sie beide hatten das Glück eine wahnsinnige innere Stärke in sich zu tragen und fortan einige ihrer Wege gemeinsam zu gehen.

 

Und natürlich blieb es nicht nur bei einer mehrmonatigen Fahrradtour. Alle zwei Jahre musste sich der Mann mit den immer noch zotteligen Haaren wieder aufs Fahrrad schwingen und das Land und seine Menschen vom Sattel aus kennenlernen. Wenn er zurück kam in das riesige Haus in dem winzigen Dorf, dann hatte er immer wieder einen riesigen Sack voller neuer Ideen und Träume dabei. Dazu zählt der ausgebaute Bauwagen für Radfahrende, der Bücherschrank mit Rastplatz, die Eröffnung der Kirche vor seiner Haustüre zur Radwander-Kirche, ein Tiny House oder am liebsten gleich eine Tiny House-Siedlung, am besten als altengerechtes Wohnen, ein Lastenrad für die alltäglichen Wege, der lange Tisch fürs Dorffest und natürlich das Weinbüdchen als regelmäßiger Treffpunkt für die Nachbarn und nette Menschen von nah und fern.

 

Und die Musik erfüllte weiterhin die Bücherscheune des riesigen Hauses in dem winzigen Dorf. Die Menschen kamen inzwischen von noch weiter her. Viele von ihnen kannten die Geschichte des Hauses und des Mannes gar nicht mehr. Über 30 Jahre lang hat dieses Haus und dieser Mann Musikerinnen und Musiker aus ganz Deutschland, aus Europa und von Übersee empfangen. 30 Jahre lang hat der Mann die Türen seines Hauses geöffnet für Menschen, die Lust auf Musik, Kultur und gute Gespräche hatten. Weit über 30 Jahre hat er sein Herz geöffnet für die zahlreichen, besonderen und alltäglichen Begegnungen mit Menschen.

Seit jeher ist er seinem Herzen gefolgt. Er hat sich nicht beirren lassen von Konvention und Regeln. Er hat sich nicht unterkriegen lassen von den Tiefpunkten des Lebens. Er hat einfach gemacht. Er hat einfach weitergemacht. Er hat sich ein Leben erschaffen, wie es ihm gefällt. Und dabei hat der so vielen Menschen zahlreiche wohltuende Begegnungen und schöne Momente erschaffen, voller Musik und Leichtigkeit.

 

Ich selbst habe das große Glück diesem Mann begegnet zu sein.

Wir alle haben das Glück, diesem Mann begegnet zu sein.

Ich habe das Glück, bei vielen seiner Abenteuer dabei gewesen zu sein.

Ich habe das Glück in diesem riesigen Haus in diesem winzigen Dorf aufgewachsen zu sein, umgeben von Musik und tollen Menschen.

Ich habe das riesige Glück, dass mich dieser zottelige Mann ins Leben begleitet hat.

Ich habe das riesige Glück, diesen Mann meinen Vater nennen zu dürfen.

Und ich bin so wahnsinnig stolz darauf.

 

Wir alle haben das Glück, in den letzten 30 Jahren in diesem Haus und in dieser Bücherscheune in diesem winzigen Dorf viele schöne Momente voller Musik und Leichtigkeit erlebt zu haben.

Und ich bin mir sicher, dass das heute wieder einer dieser Abende voller schöner Momente und Leichtigkeit für uns alle werden wird.

 

Danke, dass du immer dein Herz und deine Türen für alle Menschen geöffnet hast.

Dass du uns allen mit solch einer Großzügigkeit begegnet bist.

Dass du mir und vielen anderen vorgelebt hast, immer das Gute in den Menschen zu sehen.

Dass du mir gezeigt hast, dass es sich immer lohnt, den Blick auf das Schöne zu richten.

Dass es so wichtig ist, schöne Momente zu erkennen und zu erschaffen.

Und dass es sich immer lohnt, auf sein eigenes Herz zu hören und den eigenen Träumen zu folgen.

Danke für dein Sein, lieber Papa!


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