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Sonntäglicher Kirchgang

Sicherlich gibt es sie auch noch heute:
die aktiven Christen, die wirklich gläubigen Leute,
die aus Überzeugung und ohne Zwang,
lediglich aus einem inneren Drang,
den Sonntag mit einem Kirchgang beginnen,
der Predigt folgen mit wachen Sinnen
und auch noch im Alltag ihr Christsein leben;
ohne dabei abzuheben ………

Meistens jedoch sieht es anders aus:
Man verlässt sonntagmorgens noch recht müde das Haus
und geht dann zur Kirche, weil es sich gehört
und weil, täte man’s nicht, es den Nachbarn stört.
Das war immer schon so, das ist Tradition,
und so geht der Großvater, der Vater, der Sohn.
Man nickt freundlich sich zu: „Guten Morgen, Frau Schmidt!
Hab’n Sie heute mal wieder das Enkelkind mit?“ –

Im Inneren der Kirche döst man vor sich hin.
Hat so dieses und jenes – nichts Besond’res im Sinn.
Träumt vom Urlaub in den Vereinigten Staaten,
freut sich auf den Sonntagsbraten,
denkt an die kalbende Kuh, an das Bier nach der Messe
und folgt der Predigt mit wenig Interesse.

Schon mal fällt ein Buch von der Empore herunter
und plötzlich sind alle wieder munter.
Ein Raunen geht durch das Kirchenschiff.
Nur kurz. – Dann hat man sich wieder im Griff.

Vorn am Altar, gib’s Brot nun und Wein.
Ein Nachzügler schlüpft noch zur Tür herein.
Man fühlt sich zufrieden. Und als guter Christ
gedenkt man des Nachbarn, der daheim geblieben ist.
Dann betet man noch für die Armen und Kranken
und – schweift wieder ab mit seinen Gedanken.

Ein Blick auf die Uhr zeigt: gleich Viertel vor,
jetzt singt auch noch der Kirchenchor!
Und ehe die letzten Töne verklingen,
beginnt obendrein der Pastor zu singen.
Nun reicht’s doch für heute! Wir hab’n noch viel vor.
Oh nein, nicht auch noch der Frauenchor!

Endlich ist Schluss für dieses Mal.
Alle schieben sich zum Portal.
Man steht noch zusammen, bespricht dies und das.
„Mein Gott, is et Erna heut‘ wieder blass!“
„Morgen Erwin! Morgen Theo! Lang nicht gesehen.
Komm! Lass uns drüben ein‘ trinken gehen“.

Der Frühschoppen lockt, Männer unter sich.
Jetzt ein Bierchen, drauf freut man sich.
Lautes Lachen trinkt durch die Kneipentür. –
So ist das im Leben:
Erst die Pflicht, dann die Kür.

Aus „Dorfgeschichten“ 1997
Gundula vom Hagen – Jung

Kommentar ( 1)

  1. Antworten
    Rosemarie Wendler says:

    Also Klaus,
    der Text „Sonntäglicher Kirchgang“ von Gundula reizt mich einfach zu einem Kommentar.
    1997 hat er meinen Zeitgeist getroffen. Als Mitglied im Frauenchor, im Kirchenvorstand, in der Gemeinde. Es toben geradezu heftige Auseinandersetzungen. Wer, wo, was, wie, wieso … warum darf, warum darf nicht … in der Kirche! Unversöhnlich prallten da Meinungen aufeinander. Diskussion Fehlanzeige! Da kam der Text meiner eigenen Fragestellung sehr nahe: „Was wollen die Leute eigentlich in der Kirche? Was suchen DIE denn beim sonntäglichen Gottesdienst?
    2016 trifft der Text meinen Zeitgeist wieder. Nach Jahren ohne Sonntagsgottesdienst in Egen fehlt etwas in meinem Leben. Die eine Stunde. Sich einen Impuls zum Nachdenken holen, nicht in „hab acht“ Stellung sein, Gedanken nachhängen können, wegen meiner auch vor sich hin träumen. Leute treffen, miteinander reden, die ernst gemeinte Frage: „Wie geht es dir (jemand anderen)“ Vielleicht auch nur dummes Zeug quatschen.
    Oder ganz allgemein: Wo ist der besondere Tag der Woche geblieben? Der sich abgrenzt von der Arbeit, vom Trubel, der Hektik, vom Alltag, vom schneller weiter höher. Der Tag der „zelebriert wird“, mit besonderer Kleidung, besonderem Essen, der sich unterscheidet vom Rest der Tage. Der Zeit bringt für die Familie, Zeit für sich selber. Wo ist ein solcher Tag geblieben? Brauchen wir dazu die Institution Sonntag, mit Kirchgang?
    Mein Traum: Den Text von Gundula als Ausgangspunkt für eine Diskussion nehmen. Und zwar ruhig und sachlich! Offen und ehrlich zu den Mitstreitern, aber in erster Linie zu sich selbst! Wertoffen! Ergebnissoffen! Ohne den Zeigefinger der droht! Ohne den Zeigefinger der anschuldigt! Was suche ICH in der Kirche? Was suche ICH bei einem Gottesdienst? Was Suche ICH überhaupt, was fehlt mir!
    Eine solche Diskussion würde der Frau gerecht die 1997 an Deiner Seite war und sie würde der Frau gerecht die 2016 an Deiner Seite ist!
    Es grüßt eine nachdenkliche Rosemarie

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