Gundulas Dorfgeschichten

Ist HEIMAT ein Wort nur, oder ein Traum?
Der Ort der Geburt nur? Ein Haus und ein Baum?
HEIMAT ist dort, wo es Menschen gibt, von denen man geliebt wird,
und die man liebt.
Gundulas Dorfgeschichten – 1997

Ein Sommermorgen auf dem Land
Kinderstimmen am Waldesrand.
Zwischen Bäumen, Büschen und wilden Hecken
spielen Kinder miteinander Verstecken…..

Das hört sich an, wie von Astrid Lindgren erzählt
nur and´re Umgebung, and´re Namen gewählt.
Man fühlt sich versetzt in die gute alte Zeit.
Doch Irrtum! Das ist nicht Vergangenheit.

Das ist Gegenwart, hier, für die Kinder in Egen,
einem Dörfchen, das idyllisch zwischen Hügeln gelegen,
jeden Wanderer erfreut mit seiner Bilderbuchkulisse
und wo noch sonntäglicher Kirchgang gilt als oberste Prämisse.
Kindheit in Egen ist auch heute noch fast wie
damals bei den Kindern von Bullerbü.

Zur Schule fahren sie zwar mit dem Bus
und kommen dadurch nicht in den Genuss,
unterwegs manche Dinge “auszufressen”,
und darüber völlig die Zeit zu vergessen.
Doch es bleibt ihnen fast eine halbe Stunde
bis zum Schulbeginn Zeit für so manche Runde
Gummitwist, Fußball und Seilchenspringen
und anderen interessanten Dingen.

Nachmittags, nach den Schularbeiten,
braucht sich keiner erst lange vorzubereiten,
zu telefonieren: Kommst du heute zu mir?
Oder gehen wir beide lieber zu dir?
Sie geh´n einfach raus, ohne großes Trara.
Zum Spielen sind immer Kinder da.

Dann laufen sie los, um Buden zu bauen,
um jungen Kätzchen beim Spiel zu zuschauen.
Um auf Bäume zu klettern oder Fahrrad zu fahren –
lachend und mit wehenden Haaren.
Sie sammeln Kastanien um die Wette,
streiten sich, wer wohl die meisten hätte.
Verstecken sie gut, um nur keine zu verlieren
und später damit Weitwurf zu trainieren.

Bauen zusammen einen Blumenstand,
um Blumen zu verkaufen vom Wiesenrand.
Und hält tatsächlich mal jemand an,
sind sie erst ganz erschrocken und fordern dann
für jeden Blumenstrauß 10 Mark. –
Gemeinsam ist man bekanntlich stark!
Und hält niemand an, dann verkaufen sie – wem?
Den Eltern natürlich! Auch kein Problem!

Oft fahr´n sie auch los mit Kutsche und Pferd.
Das ist ihnen manche Anstrengung wert.
Unterwegs, wenn es steil wird, springen alle runter,
helfen schieben oder bremsen, sind fröhlich und munter.
Manchmal machen sie noch ein Picknick dabei
und sind abends todmüde von der Toberei.

Im Winter ziehen die Kinder in Scharen
auf die Hügel ringsherum, um Schlitten zu fahren.
Hinauf und hinab, Stunde um Stunde
und mit ihnen toben jede Menge Hunde.
Manchmal kommen Kinder auf Pferde angeritten,
die zieh´n dann die anderen hinterher auf den Schlitten.

Erst wenn´s dunkel wird, kommen sie langsam nach Hause
wärmen sich auf, machen Plätzchenpause.
Erzählen von ihren Heldentaten,
ohne die gefährlichsten zu verraten.
Und später im Bett sind ihre einzigen Sorgen:
Hoffentlich fällt noch viel Schnee bis morgen!

Man könnte noch stundenlang berichten
von typischen Egener Kindergeschichten.
Sie alle beschreiben eine ländliche Idylle,
die, nicht nur betrachtet durch eine rosa Brille,
grad´heute wie ein Geschenk ist für die Kinder –
und für die Erwachsenen nicht minder.

Hier können die Kinder noch draußen rumtollen,
lachen und kreischen, so laut wie sie wollen.
Hier können sich Kinder frei entfalten
und diese Freiheit sollten wir ihnen erhalten.
Dafür sorgen, dass es so bleibt, wie es Kindern gefällt.
Denn –
träumen wir nicht alle von einem Stück heile Welt?

Tja, Thema Frauen, was soll man da sagen? –
Man kann vieles loben, doch auch manches beklagen.
Geändert haben die Frauen sich schon
im Laufe der letzten Generation.
Zwar langsam nur und selten so in der Art,
dass sie kämpfen würden um ihren Part.
Doch immerhin stellen sie manches in Frage,
von dem, was sie bisher ohne Klage
als gegeben hinnahmen, Jahr für Jahr,
einfach nur deshalb, weil es immer so war.

Emanzipation, nicht auf offensive Weise,
mehr im Verborgenen, eher leise,
ist heute kein Fremdwort mehr, ist durchaus bekannt,
hier bei den Frauen auf dem Land.

Nur Kinder, Küche, Kirche – das ist lange schon her,
nach diesem Motto lebt hier fast keiner mehr.
Viele stehen im Beruf und kümmern sich zudem
noch um Kinder und Haushalt und manch and`res Problem.
Sie sind oft gestresst, haben viele Termine,
leben ständig auf der D-Zug-Schiene.

Zahnarzt, Reiten, Babyschwimmen,
dazwischen mit dem Hund zum Trimmen,
Schularbeiten, Fußball, Gitarre und Chor,
neue Farbe besorgen für das Gartentor.
Friseurtermin noch um halb sieben,
schnell Pommes in den Ofen schieben.
Abends in den Schulausschuss
und danach ist immer noch lange nicht Schluss.

Manchmal ist´s wie ein Karussell.
Man weiß lediglich: Es geht viel zu schnell.
Doch man weiß nicht, wie man es anhalten soll,
und im Grunde findet man es auch toll.
Man fühlt sich wichtig, unersetzlich sogar,
und darum beläßt man alles so, wie es war.

Anstatt mal ein bißchen zu delegieren:
Warum sollten die Kinder nicht mal probieren,
wie es ist, mit dem Fegen und dem Putzen,
statt nur gedankenlos das Haus zu verschmutzen?
Und warum wird der Mann nicht mal gebeten,
abends den Pizzateig zu kneten?
Oder zum Elternabend zu gehen,
statt in Ruhe zu Hause fernzusehen.
Warum muß immer die Frau es sein,
die für jeden verfügbar ist, ob groß oder klein?
Ja, das ist wirklich zu beklagen,
dass es Frauen so schwer fällt, “Nein” zu sagen.

Doch nur bei Kindern und beim männlichen Geschlecht
verhalten Frauen sich so, als hätten sie keinerlei Recht.
Im Umgang mit anderen Frauen hingegen
scheinen sie Vorurteile zu hegen.
Da wird manchmal erbarmungslos kritisiert
und keine Veränderung wird toleriert.
Tanzt eine nicht mit in dem üblichen Reigen,
dann heißt es sofort: Die will sich nur zeigen!
Will wohl etwas Besonderes sein!
Was bildet die sich eigentlich ein?

Anstatt zu unterstützen, wenn sich eine engagiert,
wird Engagement nur selten akzeptiert.
Man wünschte sich manchmal mehr Vertrauen
und Solidarität speziell unter Frauen.

Das gilt auch beim Thema Berufstätigkeit:
Da gibt´s manchmal Missgunst, oder auch Neid.
Denn auf der einen Seite sind die,
die zu Hause bleiben und für die nie
Berufstätigkeit in Frage käme,
weil es ihnen die Zeit für die Kinder nähme.

Aufmerksam und mit sehr kritischem Blick
beobachten sie jeden zeitweiligen Tick
der Kinder berufstätiger Frauen, und dann
fangen sie prompt zu lästern an:
“Wenn man Kinder hat, muss man sich Zeit dafür nehmen,
und ihnen helfen bei ihren Problemen.
Es reicht doch nicht, dauernd was Neues zu schenken
und ansonsten nur an sich selbst zu denken!”

Auf der anderen Seite die berufstätigen Frauen,
auch sie scheinen neidisch auf die anderen zu schauen.
Denken: “Die haben´s gut ! Die haben immer Zeit!
Und zum Helfen sind sie doch nie bereit.
Die sitzen nur stundenlang rum und quatschen.
Möchte nicht wissen, über wen sie jetzt wieder klatschen.
Die Kinder werd´n verwöhnt und der Mann ebenso.
Das läuft bei uns anders. Und da bin ich auch froh!”

So  ist das oftmals unter den Frauen.
Warum und wieso, ist schwer zu durchschauen.
Da gönnt eine der anderen nicht die Butter auf dem Brot,
und dabei täte es einfach nur Not.
sich in den anderen hineinzuversetzen,
anstatt sich dauernd die Zunge zu wetzen.

Es wäre besser, sich gegenseitig zu achten,
als sich dauernd als Konkurrenz zu betrachten.
Denn ist es nicht die Vielfalt uns´rer Träume und Ideen,
die unterschiedlichen Wege, die wir alle geh´n?
Das macht doch das Leben letztendlich so reich!
Denn stellt euch mal vor: Wir wären alle gleich…….

“Neue Männer braucht das Land!”
das hat Ina Deter schon vor Jahren erkannt.
Doch was sind neue Männer? Wie sehen sie aus?
Sind sie dick oder dünn? Die Haare glatt oder kraus?
Sind sie still oder lebhaft? – Das ist die Frage!
Oder sind es Helden, wie der Siegfried aus der Sage?

Um “neue Männer” zu definieren,
sollte man erst die alten studieren.
Was sind deren typische Eigenschaften,
welche bleiben, wenn man nachdenkt, negativ haften?
Was ist es, worüber eine Frau sich beklagt,
wenn mit besond´rer Betonung sie “Männer!” sagt?

Ist es das Protzige, das Überhebliche?
Das Streben nach Macht, das meist vergebliche?
Oder ist es der Umgang mit dem anderen Geschlecht?
Das Männermotto: Ich hab´immer Recht!
Ein bißchen von allem ist´s, möchte man meinen.
Im Grunde der Wunsch, mehr zu scheinen,
als Mann im Leben tatsächlich ist,
weil Mann sich an falschen Maßstäben mißt.

Der Fritz ist schon oben auf der Karriereleiter,
und ich – noch ganz unten, als Außenseiter.
Der Günter hat Haare, tiefschwarz und ganz kraus,
und ich – sehe beinah´wie Kojak aus!
Der Tom hat noch letztens´ne Erbschaft gemacht.
Und ich – bin mit allen Verwandten verkracht!
Der Otto kann Frau´n um den Finger wickeln.
Und ich – kämpfe heute noch mit meinen Pickeln!

So denkt vielleicht heimlich der Mann von heute,
doch zugegeben im Beisein anderer Leute,
das traut er sich nicht, das hieße Schwäche zeigen,
und darum läßt er es lieber bleiben.
Produziert sich statt dessen als starker Held
ohne Probleme bezüglich Frauen und Geld.

Und wie ist es mit Gesprächen unter den Männern?
Die handeln vorwiegend von “Dauerbrennern”,
wie Bundesliga oder Politik.
Da diskutiert man mit leicht getrübten Blick
über Pro und Contra zur deutschen Wende
und welchen Torwart man am besten fände.
Resümiert: die da oben, die alten Recken,
die haben doch alle Dreck am Stecken.
Nimm einen Knüppel für diese angeblich Wichtigen,
und dann hau´drüber! Triffst immer den Richtigen!

Und so in der Art, auf diesem Niveau
lamentiert man und ist doch im Grunde froh,
dass man unter Männern so dann und wann
mal richtig Dampf ablassen kann!

Und dann geht es rund, werden Witze gerissen.
Man brüllt vor Lachen – ´S braucht ja keiner zu wissen,
dass man dreckige Witze einfach peinlich findet,
sich bei manchen regelrecht innerlich windet.
Und so lacht man halt mit, um nicht die Stimmung zu stören,
und außerdem will man ja dazugehören……..

Auch Angst ist ein Fremdwort für die meisten Männer.
Cool zu sein, das ist der Renner.
Wem wollen sie damit bloß imponieren?
Was haben sie eigentlich zu verlieren?
In der Achtung der Frauen würden sie steigen,
hätten sie Mut, ihre Schwächen zu zeigen.

Und das bezieht sich nicht nur auf´s Kochen und Braten
und ähnliche “typisch weiblichen” Taten.
Auch nicht auf´s Putzen von Spülstein und Klo.
Kurz auf Arbeiten unter Männerniveau.
Da geben die Männer nämlich gerne zu:
“Das könnte ich niemals so gut wie du!”

Männer sind wirklich übel dran!
Denn bei ihnen ist scheinbar nur der ein Mann,
der absolut keine Schwachpunkte hat.
Und das gerade haben Frauen so satt!

Versucht doch nicht, uns was vorzumachen!
Das bringt uns bestenfalls zum Lachen.
Steht doch zu euch, werdet selbstbewusst,
und sagt lieber ehrlich: Ich hab´keine Lust!
Oder: Ich kann das nicht gut, aber ich will´s gern versuchen.
Das würden wir positiv verbuchen.
Und geht mal ein bißchen sensibler zu Werke.
Verwechselt nicht Mackertum mit innerer Stärke!
Denn – und der letzte Satz bringt´s auf den Nenner:
Im Grunde mögen wir euch, ihr Männer!

Aus „Dorfgeschichten“ 1997
Gundula vom Hagen – Jung

“Früher war alles besser als heute”,
das sagen nicht nur die alten Leute,
sondern auch die, die trotz manch grauer Haare
sich wähnen voll in der Blüte der Jahre.
Da sitzen sie nun beisammen und klagen
und träumen von den vergangenen Tagen.
Und jeder ist nur allzu gerne bereit,
zu schimpfen auf die heutige Zeit.

Furchtbar, diese Autoschlangen!
Versuch mal, um zehn in die Stadt zu gelangen.
Früher sind wir zu Fuß gelaufen,
heute fährt man zum Brötchen kaufen.
Und statt 15 Minuten dauert´s heute ´ne Stunde.
Dann fährst du noch fünf-, sechsmal in der Runde,
suchst einen Parkplatz und findest keinen.
Sag mal ehrlich! Ist das nicht zum Weinen?
Da bezahlt man für´n Auto soviel Geld,
damit man es in die Garage stellt.

Ich finde, das wird von Tag zu Tag schlimmer.
Aber das sag ich ja schon immer!
Auch ein Kind sein, heute, das wollt´ich nicht mehr!
Nur Computerspiele, statt Teddybär.
Und überhaupt, diese Spielzeugmassen,
manchmal kann man es gar nicht fassen!

Uns damals reichte, was man gerade fand:
ein paar glatte Steine, eine Kuhle mit Sand.
Da konnten wir spielen, stundenlang. –
Aber heute die Kinder? Die sind doch krank!
Jeder ein eigenes Fernsehgerät,
und dann vor der Glotze von früh bis spät!

Und die Jugend heute, das ist auch so ein Thema,
die passen doch alle ins gleiche Schema:
Laufen herum mit verdrossenen Mienen,
wollen nur möglichst viel Geld verdienen.
Sitzen herum und konsumieren,
hab´n keine Lust, sich zu engagieren.

Wie war das doch zu uns´rer Zeit? –
Wir waren zu jeder Schandtat bereit!
Haben gemeinsam viel unternommen,
sind nachts um zwölf in der Bever geschwommen.
Haben zusammen Fahrten gemacht,
gesoffen, gesungen und gelacht.

Und heute? – Nichts mehr! Alles vorbei.
Was feiern die noch? Außer: Tanz in den Mai.
Ja früher, da war hier noch was los!
Aber heute – tot Hose bloß!

So reden sie, die Akteure von gestern
dann dreh´n sie sich um, und – schon läuft der Western,
der Krimi, das Fußballspiel, was auch immer.
Volle Aktion in jedem Zimmer……
Und die Kinder schau´n zu und verstummen, ganz schnell.
Das nennt man: Lernen am Modell.

Aus „Dorfgeschichten“ 1997
Gundula vom Hagen – Jung

Sicherlich gibt es sie auch noch heute:
die aktiven Christen, die wirklich gläubigen Leute,
die aus Überzeugung und ohne Zwang,
lediglich aus einem inneren Drang,
den Sonntag mit einem Kirchgang beginnen,
der Predigt folgen mit wachen Sinnen
und auch noch im Alltag ihr Christsein leben;
ohne dabei abzuheben ………

Meistens jedoch sieht es anders aus:
Man verlässt sonntagmorgens noch recht müde das Haus
und geht dann zur Kirche, weil es sich gehört
und weil, täte man’s nicht, es den Nachbarn stört.
Das war immer schon so, das ist Tradition,
und so geht der Großvater, der Vater, der Sohn.
Man nickt freundlich sich zu: “Guten Morgen, Frau Schmidt!
Hab’n Sie heute mal wieder das Enkelkind mit?” –

Im Inneren der Kirche döst man vor sich hin.
Hat so dieses und jenes – nichts Besond’res im Sinn.
Träumt vom Urlaub in den Vereinigten Staaten,
freut sich auf den Sonntagsbraten,
denkt an die kalbende Kuh, an das Bier nach der Messe
und folgt der Predigt mit wenig Interesse.

Schon mal fällt ein Buch von der Empore herunter
und plötzlich sind alle wieder munter.
Ein Raunen geht durch das Kirchenschiff.
Nur kurz. – Dann hat man sich wieder im Griff.

Vorn am Altar, gib’s Brot nun und Wein.
Ein Nachzügler schlüpft noch zur Tür herein.
Man fühlt sich zufrieden. Und als guter Christ
gedenkt man des Nachbarn, der daheim geblieben ist.
Dann betet man noch für die Armen und Kranken
und – schweift wieder ab mit seinen Gedanken.

Ein Blick auf die Uhr zeigt: gleich Viertel vor,
jetzt singt auch noch der Kirchenchor!
Und ehe die letzten Töne verklingen,
beginnt obendrein der Pastor zu singen.
Nun reicht’s doch für heute! Wir hab’n noch viel vor.
Oh nein, nicht auch noch der Frauenchor!

Endlich ist Schluss für dieses Mal.
Alle schieben sich zum Portal.
Man steht noch zusammen, bespricht dies und das.
“Mein Gott, is et Erna heut’ wieder blass!”
“Morgen Erwin! Morgen Theo! Lang nicht gesehen.
Komm! Lass uns drüben ein’ trinken gehen”.

Der Frühschoppen lockt, Männer unter sich.
Jetzt ein Bierchen, drauf freut man sich.
Lautes Lachen trinkt durch die Kneipentür. –
So ist das im Leben:
Erst die Pflicht, dann die Kür.

Aus „Dorfgeschichten“ 1997
Gundula vom Hagen – Jung

Eine fremde Familie ist ins Dorf gezogen.
Im Prinzip ist man ihnen durchaus gewogen.
Schließlich bringen sie ja, sozusagen,
frisches Blut ins Dorf. Da will man nicht klagen.

Man hat sie gemustert – klammheimlich, versteht sich
und empfand sie durchaus als solide und redlich.
Die Möbel, na ja – ist nicht mein Geschmack,
und der Mantel von ihr – sieht aus wie ein Sack.
Die Kinder sind niedlich, die sind ja noch klein
und er scheint ein Alternativer zu sein.
Alles in allem: gar nicht so schlecht,
und auf ein paar Macken hat doch jeder ein Recht!

So hält Skepsis mit Wohlwollen sich die Waage,
und es dauert nicht lange, bestenfalls 14 Tage,
da weiß man schon alles über die Neuen:
an welcher Musik sie sich erfreuen,
wie der Opa heißt und warum und wieso
sie so viele Bücher haben, selbst auf dem Klo.

Mit der Zeit toleriert man sich, feiert zusammen,
betrachtet gemeinsam den „Rhein in Flammen“.
Fährt einmal im Jahr auf Kegeltour
und irgendwann auch mal gemeinsam zur Kur.

Und dann, Jahre später, auf einem der Feste,
da fragt plötzlich einer der fremden Gäste:
Sag mal, wer sind eigentlich die Zwei
dort hinten, guck mal am Pfeiler vorbei?
Die habe ich hier schon öfters geseh’n,
sind das die Neuen aus Haus Nr. 10?

Die Antwort kommt schnell, wie angeflogen:
Ja, die sind hier zugezogen!
Ich glaube etwa zwanzig Jahre ist’s her.
So ganz genau weiß ich es auch nicht mehr.
Sie sind ganz okay, aber eins sag ich dir;
man kann heute noch merken: die sind nicht von hier.

Und die Moral von der Geschicht? –
Einheimisch ist man, das wird man nicht.
Wer nicht hier zur Welt kam – ohne zu übertreiben –
wird für immer ein „Zugezogener“ bleiben.

Aus „Dorfgeschichten“ 1997
Gundula vom Hagen – Jung