Artikel aus der Bergischen Landeszeitung - November 1997

Live – Kultur aus der alten Kneipe

Egen. Das Klavier ist noch da und die alte Theke auch. Aber damit hat es sich schon fast. Der aufgeräumte Charakter der ehemaligen Wirtschaft Wurth, in der vor Jahren noch Tag für Tag geschäftiges Treiben geherrscht hat, ist verflogen. Stattdessen blicken von den Regalen an den Wänden Hunderte von Büchern herab, die Stühle mit den rustikalen Verschnörkelungen haben gemütlichen Sesseln Platz gemacht und den großen runden Tisch in der vorderen Ecke ziert eine himmelblaue Tischdecke mit Monogramm. Klaus und Gundula Jung haben dem Haus in Egen einen ganz anderen Stempel aufgedrückt.

Irish Folk, Jazz-Musik, Lesungen – seit einiger Zeit holen die Jungs zwei- bis dreimal im Jahr die unterschiedlichsten Künstler in ihr Haus, das zwar keine Kneipe mehr ist, aber immer noch Kneipenatmosphäre hat. „Dort, wo ich bin, fühle ich mich nur wohl, wenn ich auch etwas machen kann“, sagt Klaus Jung. Das Haus in Egen, sozusagen ein Bauernhof mit integrierter Gaststätte, kam den Jungs und ihren drei Kindern auf der Suche nach „etwas Eigenem“ gerade recht.

Mit einem Musikabend fing alles an

Es war die sprichwörtliche Liebe auf den ersten Blick „Ich habe mich sofort entschieden, weil hier so viele Kinder leben“, sagt Gundula Jung. Für ihren Mann war es „die Freiheit hieraus kreativ etwas machen zu können.“

1990 bezog die Familie das Haus. Klaus Jung, der als Sonderschullehrer schon vorher viel initiiert hatte, kam auf den Gedanken, einen Musikabend zu veranstalten. „Wir haben einen Bekannten in Mettmann, der Mitorganisator der dortigen Blueswoche ist. Ihm hatte ich von meiner Idee erzählt, und kurze Zeit später rief er an.“

“Hot licks Cookies“ hieß die Band aus Liverpool, der die alte Kneipe erstmal ein Forum bot. In der ersten Zeit waren es hauptsächlich Freunde und Bekannte aus Wuppertal, die zu den Konzerten kamen. „Heute sind es viel mehr Egener“, freut sich Gundula Jung.

Für die beiden ist es ein Hobby, das sich – meistens – selbst trägt. Künstler, die teuer sind, engagieren sie erst gar nicht, denn ein kommerzieller Nutzen komme für sie gar nicht in Frage. „Plus minus Null“ lautet ihre Devise, denn alles andere würde uns nur in unserer Kreativität beschränken.“ Gegen einen kleinen Unkostenbeitrag kann jeder kommen, dem die fernsehgemachte Kultur zum Halse heraushängt und der lieber live etwas erleben möchte.

“Kultur entsteht nur da, wo die Leute das Empfinden haben, ernst genommen zu werden“, findet Klaus Jung. „Der Anspruch liegt bei uns selbst, denn wir glauben, dass man etwas initiieren kann – man muss es nur in die Hand nehmen.“ Dabei sind die Veranstaltungen nicht nur für die Besucher ein Erlebnis. „Alle Gruppen, die bisher bei uns waren, haben gesagt, dass sie gern wiederkommen würden, weil hier eine tolle Atmosphäre ist.“ So wie Carmel Dempsey: Die Irin, die hauptsächlich irische Folklore bringt, sich daneben aber auch der aktuellen Musik verschrieben hat, war schon mehr als einmal in Egen.

“Egen, Düsseldorf, Amsterdam“ lautete der Anfang ihres Tourneeprogramms – hört sich doch gar nicht übel an.

Aber die Jungs sind auch auf der Suche nach Leuten aus der Umgebung, die sich bei ihnen präsentieren wollen. „Der Hobbymarkt, den wir letzten Winter im alten Stall veranstaltet haben, hat gezeigt, dass es hier jede Menge Menschen mit ganz speziellen Fähigkeiten gibt.“ Klaus und Gundula Jung wollen auf jeden Fall weitermachen und sind dabei immer offen für neue Ideen, solange sie nicht den Rahmen sprengen. Sie wollen nicht in Konkurrenz zu bestehenden Kulturinitiativen treten, sondern nur „kreativ ergänzen. Wir kritisieren ‚ne Menge und versuchen deshalb, es selbst besser zu machen.“

 

von Annika Janßen